CARBONICE – Testfazit: von c_g

Seit Anfang Dezember haben wir ein paar Teile der kleinen Leichtbauschmiede CARBONICE im Test – als Hauptakteure den Lenker „Wilde Hilde“ und die Sattelstütze „Flotte Lotte“ und in der Nebenrolle noch die Lenkerplugs „Hänsel und Gretel“. Alle wurden auf dem RADON Black Sin zuerst als Hardtail und später auch in ener starren Testversion mit der NINER RDO Carbon-Starrgabel gefahren.

35 Carbonice complett (Nebenbei sind der gleiche Lenker und die selbe Stütze, nur in 31,6 mm auch am QUANTOR Kraftwerk 9.0 verbaut, das wir aktuell noch im Test fahren.)
CARBONICE verspricht Leichtbau ohne Einbußen in der Funktion und vor allem der Sicherheit. Trotz des Fliegengewichts ist zum Beispiel der Lenker so konstruiert, dass er im Klemmbereich mit bis zu 7 Nm angezogen werden kann und die Sattelstütze verkraftet im ausgewiesenen Klemmbereich auch bombensichere 5 Nm.  Wie im Zwischenbericht bereits geschrieben spukte das Thema Haltbarkeit nur anfangs in meinem Kopf herum. Doch das hat sich schnell gegeben und wir, das sind unser Tester Oli in der letzten Testphase und ich vorher, haben die Teile genauso hart rangenommen und genutzt wie jeden anderen Lenker und Stütze auch.

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 Soviel vorab: Alle Bauteile haben sicher gehalten und sich in Sachen Stabilität keinerlei Schwächen geleistet.

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WILDE HILDE – Lenker:

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Der sehr sauber gefertigte Lenker ist das unauffälligere Bauteil der beiden. Trotz hochkarätigen Leichtbaus und gerade mal 127 g merkt man ihm auch bei einer aggressiven Fahrweise nicht mehr als einen minimalen Flex an. Ein Flex, der aber in der letzten Testphase auf dem RADON mit der NINER RDO Carbon-Starrgabel doch einen spürbaren Zugewinn an Komfort gebracht hat. Die Lenkpräzision ist weiterhin sehr gut.
Wie schon geschrieben, hätte ich persönlich mir zwar eine etwas stärkere Kröpfung als die gegebenen 6° gewünscht, aber das ist reine Geschmackssache. Immerhin kommt der Lenker von Haus aus in einer sinnvollen Breite von 710 mm.

–> FAZIT zur „Wilden Hilde“: Funktionell ohne Tadel und gar nicht so kostspielig. Wer einen nur schwach gekröpften Super-Leichtbau-Lenker mit ausgeklügelter sucht, mit dem Gewichtslimit leben kann und gerne mal abseits von TUNE, SCHMOLKE und CO denkt, der macht mit der CARBONICE Wilde Hilde nichts falsch. Rundum empfehlenswert.

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FLOTTE LOTTE – Sattelstütze:
Die Sattelstütze war mit gerade mal 128 g bei einer Länge von 410 mm (27,2 mm Durchmesser) nicht minder spektakulär, hat aber ein paar erwähnenswerte Besonderheiten:

33 Sattelon BikeDa wären einmal die sehr guten Dämpfungseigenschaften, die ihr dazu verhilft ein ordentliches Maß an Komfort zu generieren – auf langen Strecken eine echte Hilfe um den Körper zu schonen. Was das subjektive Komfortempfinden angeht, fand ich die Stütze wirklich gut. Kleinere Vibrationen werden spürbar abgedämpft und selbst mittlere Stößen nimmt die Stütze die Härte. Interessant übrigens, dass die 31,6 Sattelstütze am QUANTOR sich diese Tugend auch weitgehend erhalten hat. Klasse!

 Dafür besitzt die Flotte Lotte eine auffällig niedrige Torsionssteifigkeit. Die Stütze lässt sich ohne großen Kraftaufwand gut und gerne um 10° aus der Achse rotieren. Ein Konstruktionsfehler oder gar ein Defekt? Keineswegs! Wie mir Michael Holzner, der Mann hinter CARBONICE, versicherte, sei das keineswegs ungewollt. Durch die Möglichkeit der Stütze leicht mit den Drehbewegungen der Hüfte mitgehen zu können, erhöhen sich sowohl Komfort, wie auch Treteffizienz. Beides Punkte, die ich nach nunmehr fast 3 Monaten durchaus bestätigen kann. Im technischen Gelände, für Fahrer, die viel mit den Innenschenkeln steuern, ist es etwas ungewohnt. An diesem Punkt ist die CARBONICE Flotte Lotte flexibler als alle mir bekannten Sattelstützen – nicht unbedingt ein Bauteil für All-Mountain- oder Trailfahrer, aber wenn man die Zielgruppe der Flotten Lotte, Langstreckenfahrer und Marathonisti, bedenkt, ist das in meinen Augen aber keineswegs von Nachteil.

 Zwei kleinere Kritikpunkte muss die Stütze aber noch über sich ergehen lassen und die hängen beide mit der Sattelklemmung zusammen. Das eine waren Knarzgeräusche, die trotz penibel eingehaltener Drehmomente immer wieder im Bereich der Klemmung auftauchten. Das andere ist ein Thema, das viele Leichtbau-Sattelklemmungen mit zwei unabhängigen Klemmwippen haben. Je nach Sattelneigung sind die Schrauben (vor allem die vordere) nur schwer zugänglich – vor allem mit einem Drehmomentschlüssel kommt man hier kaum ran.  Außerdem gerät damit die Klemmung sehr breit und schränkt das Verstellspektrum nach vorne und hinten stark ein. In unserem Fall war das wenig relevant, weil das Bike sehr gut passte, aber für manchen ist der Verstellbereich durch die 4,5 cm auseinander liegenden Yokes schlichtweg zu eingeschränkt.

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–> FAZIT zur „Flotten Lotte“: Auch hier zeigt sich, dass Leichtbau und funktionaler Mehrwert keine Gegensätze sein müssen. Die Flotte Lotte Stütze bietet einen sehr guten Fahrkomfort, der spürbar ist. Die damit einhergehende geringe Torsionssteifigkeit ist auffällig, ja einzigartig und hat uns vor allem im technischen Gelände tw. irritiert, passt aber gut zur Langstreckenausrichtung der Stütze. Hier muss der potentielle Käufer selber entscheiden. Die Sattelklemmung funktioniert gut, blieb im Test aber nicht immer knarzfrei und schränkt den Sattel-Verstellbereich durch die große Abstützbreite ein.
UPDATE: Michael Holzner von CARBONICE hat uns gebeten nochmal darauf hinzuweisen, dass es unzulässig ist die Flotte Lotte mit Schnellspanner zu fahren – einfach weil man damit die Maximal-Drehmomente der Klemmung nur schwer einhalten kann. Wir haben um das Problem im Testzu umgehen den Schnellspanner geschlossen mit einem Drehmomentschlüssel eingestellt und danach nur noch per Spanner geöffnet und geschlossen. Einfach den Spanner klemmen ohne sich vorher des anliegenden Drehmoments zu vergewissern ist hier nicht anzuraten.

Soviel also zu unserem Test der CARBONICE Leichtbauprodukte – Komponenten, die an der Grenze des aktuell machbaren kratzen. Wir werden CARBONICE definitiv auf unserem Radar behalten und sehen was noch so alles von ihnen kommt.

RIDE ON,
c_g

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BONUS: Wer sich die Bilder oben angesehen hat, dem ist evtl, der spartanische Sattel dort aufgefallen. In der späten Phase des Tests hat uns CARBONICE noch einen Prototypen eines Marathonsattels (noch namenlos) zugeschickt, der mit gerade mal 79 g ebenfalls extrem leicht ausfällt.

31 Sattel 32 Sattel unten
Oli und ich sind ihn beide ausgiebeig gefahren und sind uns einig, dass er zu den komfortabelsten Sätteln gehört, die wir je gefahren sind – Leichtbau hin oder her. Den Komfort erreicht CARBONICE nach eigenen Angaben durch die etwas breitere Bauweise (135 mm am Heck) und die flache, flexible Satteldecke. Konstruktiv bedingt besitzt der Sattel einen sehr kleinen nach unten gezogenen Rand, an dem man im technischen Gelände aber auch gerne daran hängen bleibt.
CARBONICE hat sich die Kritik dazu zu Herzen genommen und wird bis zur Serienreife, die für den Sommer geplant ist, den Sattel in diesem Bezug optimieren. Bravo … wir freuen uns drauf.